Medikamente ein Milliardengeschäft- Wo bleibt der Patient?

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torasap
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Medikamente ein Milliardengeschäft- Wo bleibt der Patient?

Beitrag von torasap » Fr 12. Sep 2008, 21:02

Medikamente – ein Milliarden Geschäft

Die Umsätze der Pharmaindustrie weltweit bewegen sich im Multi-Milliarden-Bereich – kein Wunder, dass ethische oder soziale Belange nach Meinung vieler Kritiker oft zu kurz kommen. Häufig bleibt dabei das Informationsbedürfnis vieler Patienten unberücksichtigt. Über Medikamente und deren unerwünschte Nebenwirkungen informieren die Pharmafirmen oft zu spät und nicht umfassend. Hinzu kommt die Schwierigkeit der Materie selbst, denn Pharmakologie und Medizin bedienen sich oft einer Art Geheimsprache, die dem Laien nur wenig sagt.

Viel Geld im Spiel

Der Umsatz der wichtigsten zehn Pharmakonzerne der Welt betrug im Jahre 2007 zusammengenommen 263,493 Milliarden US-Dollar. Umgerechnet sind das 166,672 Milliarden Euro, das entspricht etwas mehr als der Hälfte des Bundesetats oder dem Sozialetat und dem Schuldendienst zusammen, den beiden größten Posten auf der Ausgabenliste des Bundes. Der Gewinn aus diesem Umsatz lag zusammen bei 66,45 Milliarden US-Dollar. Dies bedeutet eine Umsatzrendite von über 25 Prozent! Von einem solchen Umsatz-Gewinn-Verhältnis träumen so gut wie alle Industriezweige, der Einzelhandel etwa lebt von gut 2 Prozent Rendite.


    Top 10 Pharmafirmen der Welt nach Umsatz 2006
    Pfizer 45,083 Milliarden US-Dollar
    GlaxoSmithKline 37,003 Milliarden US-Dollar
    Sanofi-Aventis 35,643 Milliarden US-Dollar
    AstraZeneca 25,741 Milliarden US-Dollar
    Novartis 23,532 Milliarden US-Dollar
    Merck 23,425 Milliarden US-Dollar
    Johnson & Johnson 23,267 Milliarden US-Dollar
    Roche 19,300 Milliarden US-Dollar
    Wyeth 15,683 Milliarden US-Dollar
    Eli Lilly & Co. 14,816 Milliarden US -Dollar
    Quelle: contractpharma.com/IMS Health


In der marktwirtschaftlichen Logik könnte man nun sagen: Umsatz und Gewinn sind das eine, und es wäre auch gar nichts gegen eine gut verdienende Industrie zu sagen, wenn denn die Produkte gut und der Preis gerecht wären. Aber leider meinen Kritiker, dass noch nicht einmal das stimmt. Wolfgang Becker-Brüser von der industrieunabhängigen Publikation Arznei-Telegramm in Berlin schätzt, dass die Ausgaben für das Marketing der Pharmaindustrie doppelt so hoch sind wie die Ausgaben für die Forschung an neuen Wirkstoffen. Studien in den USA bestätigten dies vor Kurzem. Und das Ergebnis sei dementsprechend.

Es gibt Kritiker wie Professor Peter Sawicki vom staatlich finanzierten Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit( IQWIG) in Köln, die sagen, Gesundheit sei ein so hohes Gut, dass in diesem Bereich nicht nur nach marktwirtschaftlichen Kriterien entwickelt und verteilt werden sollte. Wichtig sollte sein, dass es den Menschen besser geht, und zwar überall. Dass also nicht nur Präparate entwickelt werden sollten, die einen hohen Umsatz versprächen, sondern auch Medikamente für seltene Krankheiten oder arme Länder. Das aber könne man so heute nicht von den Aktiengesellschaften der Pharmaindustrie verlangen, meint er. Heute seien diese den Renditeerwartungen der Aktionäre verpflichtet. Wenn man das ändern wolle, dann müsse „man“, also der Bürger oder der Gesetzgeber, die Medizinindustrie auf bestimmte Ziele verpflichten oder sie finanziell belohnen. In den USA geschieht das zum Beispiel über verlängerte Patentlaufzeiten für Mittel gegen seltene Krankheiten, die nur in geringer Zahl verkauft werden.

Umsatz kontra Information

Die Marketingmethoden der Pharmaindustrie haben leider auch wenig mit Information zu tun. Da bekommen Ärzte regelmäßig lieben Besuch von Pharmareferenten, die die Vorteile ihrer Produkte anpreisen und in Zehn-Minuten-Gesprächen die Ergebnisse „jahrelanger positiver Studien“ an neuen Präparaten darstellen. Welcher Arzt oder welche Ärztin nimmt sich danach noch die Zeit, um die wissenschaftliche Haltbarkeit solcher von der Pharmaindustrie veröffentlichter Studien nachzuprüfen? Und oft hätten sie auch gar keine Chance: Jüngste Studien belegen, dass sehr häufig die negativ ausfallenden Ergebnisse zu einem neuen Medikament entweder nicht, an entlegenen Stellen oder grob falsch zusammengefasst veröffentlicht werden. Das war bei Antidepressiva für Jugendliche der Fall, das trifft für die Bewertung der Hormonersatztherapie für Frauen in den Wechseljahren zu, und das war so bei den verspäteten Rücknahmen von Lipobay, Vioxx und Trasylol.

Ärzte werden für sogenannte „Anwendungsbeobachtungen“ bezahlt: eigentlich ein keineswegs schlechtes Instrument, um Erfahrungen aus Arztsicht mit einem Medikament zu sammeln. Aber wieso werden so oft neue Medikamente „beobachtet“, und wieso bekommt der Arzt Geld dafür, seine Patienten auf dieses neue Medikament umzustellen? Und noch immer gibt es dubiose Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte mit Alibivorträgen in Nobelhotels, die edlen Kaffeefahrten ähneln. Geschickt ist auch der Umweg über die von der Industrie gesponsorten vorgeblichen Patienten-Selbsthilfe- organisationen, die dann den Bedarf an einem neuen, „besser wirksamen, leider teuren“ Mittel öffentlichkeitswirksam vertreten.

Ein Beispiel dafür waren einige Organisationen, die im Konflikt über die Erstattung der „schnellwirksamen“ Analog-Insuline auftraten. Am geschicktesten aber scheint die Lobbyarbeit der Pharmaindustrie in der Politik zu funktionieren: So warten wir seit sechs Jahren gespannt auf eine Studie zu kombinierten Schmerzmitteln. Die unerwünschten Nebenwirkungen sind stark, und das zu höheren Preisen als für die Einzelwirkstoffe. So viel scheint dennoch so gut wie klar: Sicher beweisen könnte das nur eine breite Studie, es würde Geld gespart und Menschen geholfen. Doch der Auftrag dafür kommt von keiner staatlichen Institution. Geprüft und untersucht wird in erster Linie, was die Pharmaindustrie prüfen lassen will, denn unabhängige Forschung und Analyse gibt es kaum.

Informationsbeschaffung – schwierig und mühsam

Die schwächsten Mitspieler in diesem Multi-Milliardenspiel sind die Patienten. Ihre Informationsmöglichkeiten sind schlecht, dem Arzt und Apotheker müssen sie weitgehend vertrauen. Das können sie auch oft, selten wird ihnen jemand bewusst die Unwahrheit sagen. Das liegt auch an der Datenbasis: Die Info-Software der Apotheker wird alle 14 Tage, die der Ärzte nur einmal im Quartal aktualisiert. Darüber hinausgehende umfassende aktuelle Fachinformationen müssen auch die Ärzte extra bezahlen. Und bei den Patienten kann und will sich nicht jeder so weit medizinisch oder pharmakologisch einarbeiten, um alles zu verstehen. Tatsächlich ist die medizinisch und pharmakologisch korrekte Beschreibung von Medikamenten keine einfache Sache, aber das ist kein Grund aufzugeben.

Was das Internet an Information bietet

Es gibt ein paar Tipps, wie Sie als Patient informiert sein können, auch zu Ihrer eigenen Sicherheit: Das Bundesamt für Arzneimittelsicherheit und Medizinprodukte in Bonn (BfArM) listet auf seiner Webseite unter dem Stichwort „Pharmakovigilanz“ (also „Arzneimittelüberwachung“) aktuelle Rückrufaktionen auf. Hinzu kommen Informationen zu den Medikamenten und über die beanstandeten Wirkungen. Auf der BfArM-Seite zu finden sind auch die „Rote-Hand-Briefe“ der Pharmaindustrie zu vielen Rückrufen, die eigentlich an Fachkreise gerichtet sind.

Die europäische Zulassungsbehörde EMEA bietet unter dem Stichwort „EPARS“ („European Public Assessment Reports“ = „Europäische öffentliche Beurteilungsberichte“) die öffentlichen Beurteilungsberichte zu allen in der EU zugelassenen Arzneimitteln. Trotz der englischen Seitenführung liegt die „Summary for the public“ („Zusammenfassung für die Öffentlichkeit“) für jedes Mittel auf Deutsch vor. Das gibt Ihnen schon einmal eine unabhängige Grundinformation zu einem Präparat.
Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft verschickt auf Anfrage einen Newsletter über aktuelle Rückrufe und Warnmeldungen.

Nicht zu empfehlen ist die Recherche über PharmNet.Bund – die Seite ist umständlich aufgebaut. Die eigentlichen Informationen sind oft wenig tiefgehend oder ohne Fachwissen schwer einzuordnen, dazu kosten sie noch Geld. Das ist besonders ärgerlich, weil es sich um Informationen aus großteils mit Steuergeldern bezahlten Institutionen handelt, wie dem Bundesministerium für Gesundheit oder dem BfArM.

http://www.wdr.de/tv/servicezeit/gesund ... kament.jsp

Torasap :roll: Ich werde das als Patient nicht mehr finanzieren deshalb lieber www.mezis.de :group: Übrigens bei Mezis gibt es jetzt ein eigenes Forum für Ärzte


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