Unterschriften für Dies und Jenes

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Moderator: markus.gnaedinger

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Lüthi
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Unterschriften für Dies und Jenes

Beitrag von Lüthi » Di 8. Sep 2009, 13:12

Immer mehr werden mir alle möglichen Dinge zur Unterschrift vorgelegt; so zum Beispiel die Zielfestlegung und Pflegeeinstufungen in Altersheimen. Offenbar soll ich dafür eine (Mit)Verantwortung übernehmen, obwohl ich weder über das nötige Wissen (BESA-Erfassung etc.) verfüge, noch für die eigentlichen Pflege-/Betreuungsmassnahmen direkt zuständig bin.
Zudem wird erwartet, das (im Fall der Heime unter der Rubrik "Hinweise") eine integrale Textdiagnose an Pflegedienst/Administration geht, die dann ihrerseits unter Druck der Kostenträger stehen, Ihre Unterlagen weiterzugeben bzw. vorzulegen.

Der Diskussionen müde, werde ich in Zukunft derartige Unterschriften leisten, versehen mit der Bemerkung "Zur Kenntnis genommen" und Diagnosen separat übermitteln mit dem Vermerk "Eine Weitergabe dieser Daten fällt in die Verantwortung der Pflegedienstleitung/Administration".

Hat jemand andere Ideen ?

Lüscher
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Beitrag von Lüscher » Mi 9. Sep 2009, 15:53

Ich habe keine anderen Ideen, finde es aber eine ausgemachte Sauerei, wie auf diesem Weg das Patientengeheimnis unserer Betagten und Pflegebedürftigen abgeschafft wird. Irgendwelche umgepolten Pflegekräfte im Sold der Krankenkassen dürfen ja hochoffiziell in irgend ein Pflegeheim einmarschieren und sich in die Kardexe vertiefen, wo jede Salbenverordnung überprüft werden kann - und alle Klartextdiagnosen, Pflegeverläufe, Verordnungen müssen diesen Politessen vorgelegt werden!!! Das ist ein absoluter Skandal, und niemanden stört es, u.a. weil die Pflegeheimverwaltungen und deren Verhandlungsdelegationen keine blasse Ahnung haben von der Brisanz der Informationen, die sie den Versicherern zugestehen. Strafgesetzbuch Art. 321 bedroht ja in diesem Bereich nur uns Aerzte und etwa noch die Pfarrer ...

Mein Akzent liegt also weniger bei meiner Unterschrift, die ein schlichter Anachronismus ist in einer Zeit, wo jeder, der einen Wochenendkurs in irgendwas absolviert hat, sich äusserst kompetent fühlt und kraft dessen Autonomie und Entscheidungskompetenz für sich reklamiert, irgend etwas mit PatientInnen anzustellen, und selbstverständlich immer zu Lasten einer (Sozial-)Versicherung. Ich kann nichts dafür, dass meine schwerst Pflegebedürftigen im Altersheim pro Jahr 100'000 Franken kosten. Selbst wenn ich irgend etwas unterschreibe oder bloss zur Kenntnis nehme, bleibt dies so. Und ob ich dies, aus meiner Sicht als Bürger und Steuerzahler, mit Steuern oder mit Prämien ermögliche, ist eh einerlei.

markus.gnaedinger
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RAI statt BESA?

Beitrag von markus.gnaedinger » Mi 9. Sep 2009, 16:22

Die BESA wird bei uns nun durch RAI ersetzt. Es resultiert eine Dokumentation mit etwa 10 Seiten über jeden Pensionär, welche dazu dient, eine von 12 Pflegeintensitätsstufen zu definieren.

Das RAI Dokument muss vom betreuenden Hausarzt mit der Pflegerin gesichtet werden. Dies ergibt meist einigen Diskussionsstoff und kann auf eventuelle Probleme hindeuten, die der Pensionär gegenüber seinem Arzt bisher nicht erwähnt hat. Am Schluss muss der Arzt das Dokument unterschreiben. Es werden keine Zettel in der Welt herumgeschickt. Das RAI-System soll den echten Aufwand für den Pensionär besser widerspiegeln als BESA.

markus anliker
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Zusammenarbeit HA mit Alters- und Pflegeheimen (RAI)

Beitrag von markus anliker » Mi 9. Sep 2009, 18:44

Liebe Kolleginnen und Kollegen
In den Alters- und Pflegeheimen wird ein ausserordentlich wichtiger Beitrag für die Gesundheitsversorgung geleistet. Die Pflegenden verdienen es von uns Hausärzten unterstützt zu werden. Seit vielen Jahren engagiere ich mich für diese Zusammenarbeit.
Ich habe Verständnis für das Misstrauen gegen Dokumentationssysteme, in der Langzeitpflege müssen die Mitarbeitenden aber lernen systematisch zu analysieren und uns Aerzte auch auf die springenden Punkte des Alltages in der Pflege aufmerksam zu machen. RAI unterstützt das klinisch Verständnis in den oftmals komplexen medizinischen Situationen und wir sind aufgefordert gemeinsam mit den Pflegenden nach Lösungen zu suchen.
Ich offeriere allen Qualitätszirkeln die mit RAI konfrontiert sind sich zu melden. Gerne komme ich für eine Fortbildung vorbei und zeige an konkreten Beispielen auf, wie das System funktioniert und welche sinnvolle Rolle die Aerzteschaft übernehmen könnte.

Lüscher
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Beitrag von Lüscher » Mi 9. Sep 2009, 19:21

An sich habe ich nichts gegen RAI - ausser dass das Feedback der Pflegenden durchzogen ist. Auch sie selber stellen fest, dass die qualifiziertesten unter ihnen sich zu Lasten der Zeit für die eigentliche Pflege der BewohnerInnen mit Instrumenten wie RAI herumschlagen müssen.

Wo ich den Finger nochmals hinlegen möchte, Herr Kollege Anliker: Die Pflegeheime sind für die Kassenfunktionäre bzw. deren Delegierte völlig gläsern, alle höchstpesönlichen Informationen, die ich einer Kasse zum Schutz der Intimsphäre der PatientInnen nicht geben will, auch weil sie zur Beurteilung der Leistungspflicht unnötig sind, holen sie sich in den Pflegedokumentationen der Heime. Das hat nichts mehr mit Missbrauchsverhinderung und nichts mit Leistungsüberprüfung und schon gar nichts mit Qualitätssicherung zu tun, das ist einfach nur noch eine Karikatur von Datenschutz und eine Perversion der Fürsorge, die wir unseren Betagten schulden.

markus anliker
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Beitrag von markus anliker » Mi 9. Sep 2009, 21:00

Es braucht eine differenzierte Betrachtung welche Informationen aus einem Assessmentsystem wirklich bei den Krankenversicherungen landen. Im RAI ist es nur ein kurzer Pflege- und Behandlungsausweis, das Assessment (MDS) verlässt das Heim nicht.
Wenn die Krankenversicherer sich auf ein Gerichtsurteil berufen, das ihnen im Rahmen der Wirtschaftlichkeitsprüfung das Recht auf Einblick in weite Teile der Pflegedokumentation zuspricht, ist das nicht die Schuld der Systeme sondern dann müssen wir Hausärzte Fragen zum Rechtsstaat stellen.
Ich empfehle zusätzlich uns nicht von unserer hausärztlichen Aufgabe, dem Engagement - gemeinsam mit unseren Partnerberufen im Gesundheitswesen - ablenken zu lassen. Gefragt ist echtes ärztliches Engagement und ärztliche Präsenz in den Heimen.

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