Masern-Eliminationsstrategie des Bundes

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markus.gnaedinger
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Masern-Eliminationsstrategie des Bundes

Beitrag von markus.gnaedinger » Di 23. Apr 2013, 07:34

Gemäss einem Auftrag des Parlaments hat das BAG eine Masern-Eliminationsstrategie ausgearbeitet. Die zugehörigen Artikel finden sich im aktuellen BAG-Bulletin 17/13 (http://www.bag.admin.ch/dokumentation/publikationen/01435/13591/index.html?lang=de). Die Ärztinnen werden darauf aufmerksam gemacht, dass Masern eine innert 24 h meldepflichtige Erkrankung darstellen und dass in jedem Verdachtsfall ein Virusnachweis (PCR) und eine Serologie gemacht werden soll.

markus.gnaedinger
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Re: Masern-Eliminationsstrategie des Bundes

Beitrag von markus.gnaedinger » Fr 26. Apr 2013, 17:57

Ein Kommentar, den ich von Markus Gassner, Grabs erhalten habe:

Masern
Das BAG informiert im Bulletin vom 22.4.13 sehr umfangreich über die aktuelle Situation bei Masern.

Epidemiologie:
Auf Seite 264 werden 65 Masernfälle in den letzten 52 Wochen und 11 seit Jahresbeginn 2013 rapportiert. Diese Zahl ist nach wie vor überraschend hoch, da ja eigentlich 0 Fälle seit Jahrzehnten angestrebt wurden.
Wesentlich wäre hier die Orientierung über Subgruppen. Waren es Einzelfälle, eine einzige Epidemie, insbesondere aber die Altersverteilung. Diese hat sich nicht nur in der Schweiz, sondern auch z.B. in Deutschland in den letzten Jahren wesentlich nach oben verschoben. – Eine logische Folge der Impfpolitik, die sich zusehr nach der Pädiatrie ausrichtet.
Die nächsten Masernepidemien sind in der Schweiz vorprogrammiert, insbesondere bei Adoleszenten und Erwachsenen.

Diagnostik:
Junge Ärzte haben glücklicherweise selten eigene Erfahrungen mit Masernpatienten.
Ein Ausschlag mit gleichzeitigem Husten sind die entscheidenden Kriterien. Wer damit einen Arzt aufsucht, soll mittels einem Rachenabstrich virologisch weiter abgeklärt werden.
Serologie (IgM-Bestimmungen sind weniger wichtig, eine Asservierung von Serum ist aber bei der ersten Verdachtsdiagnose zweifellos sinnvoll, mitunter für Differenzialdiagnosen und als Vergleichsparameter).

Immunität:
Masernviren bewirken eine sehr gute, fast immer lebenslängliche Immunität. Mutanten des Masernvirus unterlaufen diese Immunität nicht (wie z.B. Grippeviren). Deshalb sind Masern (in nicht abgeschotteten) in nicht geimpften Populationen klassische Kinderkrankheiten.
Die Immunität und das immunologische Gedächtnis ist ein komplizierter Vorgang. Die Produktion von Antikörper ist eine Reaktion auf das Virus. Das Gedächtnis der Immunität lässt sich serologisch nicht zuverlässig messen, allenfalls nach einer Reexposition (Infekt-Impfung). Auch betagte Menschen in einem Altersheim sind heute noch vor Masern geschützt, obwohl bei den wenigsten ein zuverlässiger Antikörpertiter nachweisbar ist.

Impfungen:
Bei Masern gibt es keine antiviral wirksamen Medikamente, dafür umso wirksamere Impfstoffe. Die alten Impfstoffe waren zwar alle wirksam, aber wegen verlauerter Kühlkette häufig inaktiviert injiziert.
Wichtig ist eine Durchimpfungsrate insbesondere in der Altersgruppe 15-30 jährige schon wegen der Impfung von MMR vor einer Gravidität. Dabei ist die Impfung der Väter ebenso wichtig, weil sie Wildviren heimbringen. Weil in der Schweiz diese Altersgruppe vernachlässigt wurde und weiter wird, wächst die Zahl der Suszeptiblen (nicht Immunen) in der Bevölkerung weiter an. Weitere Masernepidemien sind deshalb vorprogrammiert.

Impfpolitik:
Solange namhafte Sozial- und Präventivmediziner die These einer Selbstverantwortung vertreten und die Ärzte hinsichtlich Haftpflicht im neuen Epidemiegesetz desavouieren, wird die Schweiz weiterhin Masernwildviren exportieren (bis andere Länder dies, wie das Bankgeheimnis, nicht mehr akzeptieren).
Wenn die Schweiz Masern eliminieren will, dann müssen MMR Impfungen unkonventionell in höheren Schulen und Massenveranstaltungen wie Fussballspiele, Pop-Konzerte usw. gratis angeboten werden. Man soll dort impfen, wo Ansteckungsrisiken am höchsten sind.
Es ist ein traditioneller schweizerischer Unsinn, Impfungen mit Formularen zum Hin- und Herschieben einer Verantwortung oder wegen Abrechnungslogistiken zu behindern oder zu verteuern (v.a. für die nächste Generation!).
M. Gassner, Grabs, 26.4.13

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Re: Masern-Eliminationsstrategie des Bundes

Beitrag von admin.forum » Di 14. Mai 2019, 16:56

Dr. G a s s n e r hat uns gebeten, diesen Text zu veröffentlichen.
Masern: Impfkonzept Elimination

Das aktuelle Impfkonzept ist nur für eine Reduktion der Masern tauglich, nicht jedoch für eine Elimination.

Hinsichtlich der Reduktion von Masernfällen, speziell bei Kindern, wurde sehr viel erreicht und das ist sehr erfreulich. Viele Impfungen schützen auch optimal, die mit Impfungen nicht eliminiert werden können, z.B. weil auch Tiere erkranken (Diphtherie, Tetanus, FSME).

Es ist logisch, dass mit Impfungen nur der Kinder in der Schweiz Masern bei Adoleszenten und Erwachsenen nicht eliminierbar sind. Dies belegen die Daten der altersspezifischen Morbidität seit über 10 Jahren.

Die Gesetzgebung in der Schweiz (Epidemiegesetz, EpG) ist zur Elimination von Masern nicht geeignet.
Die Schweiz versucht, international wohl einmalig, die Masernelimination speziell bei Adoleszenten über eine Kopfsteuer zu finanzieren. Die Verantwortung des Staates bei Impfschäden ist gem. EpG über die «subsidiäre Haftung» mangelhaft geregelt. Die Kosten der Impfungen und Risiken von Impfschädigungen (nicht Impfreaktionen) müssen bei Krankheiten, die eliminiert werden können und sollen, klar und eindeutig vom Bund übernommen werden. Aktionen und Informationen ohne tatsächliche Impfungen kosten und sind speziell für die Elimination untauglich.

Wegen der aktuellen Masernepidemie ist der Zeitpunkt gut, die politisch-gesetzlichen Grundlagen in der Schweiz (EpG) endlich auf ein langfristiges Ziel (Elimination!) auszurichten. Die kurzfristige Rentabilität einer Impfung ist gemäss jahrzehntelangen Erfahrungen mit der Versicherungspolitik des Bundesamtes für Sozialversicherung (BSV) sicher kein gutes Kriterium. Langfristig entstehen dadurch zunehmend höhere Kosten im Gesundheitswesen.

Wenn über die Hälfte der Masernfälle durch und bei Personen über 18 Jahren ausgelöst werden, dann müssen diese Personen aktiv und gratis dort geimpft werden, wo sie sich aufhalten! Dies ist klar eine Erfahrung der Pockenelimination. –
Vermutlich wird eine «3. MMR-Impfung mindestens bei Adoleszenten, ev. Erwachsenen» als Konzept sinnvoll, wie vor über 20 Jahren die «2. MMR-Impfung».

Für die Elimination sind nur wirksam durchgeführte Impfungen essenziell, auch nicht gespeicherte elektronische individuelle Impfdaten. Diese können nützlich sein zur Reduktion von Erkrankungen, für eine individuelle Sicherheit.
Die nächste Zwischenevaluation 2023 ist auf Grund der aktuellen Problematik doch etwas gar spät.

In vielen Ländern, auch in der Schweiz, hat sich die Kombinationsimpfung «Masern Mumps Röteln» (MMR) bewährt. Zwar bestehen bei Mumps heute wieder ähnliche Probleme wie beim «Impfvirus Rubini» vor über 20 Jahren. Heute sind die multiplen Impfviren vom Genotyp A im «Impfstoff Jeryl-Lynn» nicht mehr optimal wirksam. Die Schweiz ist nicht mehr in der Lage, einen Genotyp G als Impfvirus zu adaptieren. (Das «Schweizerische Serum – und Impfinstitut» wurde sublimiert!). Diese Unsicherheit darf aber die Masernimpfung nicht beeinträchtigen, was früher als «Argument für Impfkritik» missbraucht wurde (z.B. Konsumentenschutz: Ktipp, saldo).

Die Problematik der Informationslogistik betrifft leider nicht nur Impfungen. Die wissenschaftlichen Informationen sind nicht nur über «soziale Medien, Internet», sondern auch verändert über die klassischen Medien bei «ausgewogenen» Diskussionen «modifiziert» moderiert. Die Unterhaltung ist wichtiger, als das Vermitteln von Wissen, Bildung: Auch die wissenschaftliche Information der Bevölkerung wurde vermarktwirtschaftlicht. Patienten werden zu Kunden.
Wenn die Wissenschaft vor allem Profite erzeugen soll, verursacht dies klassisch eine Info als Reklame. Wer dieses Konzept akzeptiert, verliert damit rasch Glaubwürdigkeit, somit langfristig Vertrauen. Die Desinformation über Impfungen ist also nicht nur ein Phänomen von Impfgegner.
Aufgabe der universitären Bildung ist, Wissen bereitstellen, aufklären und kritisch hinterfragen. Vielleicht zeigt die Digital Society Initiative (DSI) der Uni Zürich neue Wege.

Impfen ist abhängig von der langfristigen Solidarität. Bei der Elimination von Krankheiten ist die internationale Solidarität massgebend.

Markus G a s s n e r, Grabs

Dr. med. Markus G a s s n e r
Spezialarzt FMH für Innere Medizin
Speziell Allergologie und klin. Immunologie
Landarzt
Spitalstr. 8
9472 Grabs

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