Santesuisse: Jetzt ambulante Pauschaltarife rasch einführen...

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C.Huettenrauch
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Santesuisse: Jetzt ambulante Pauschaltarife rasch einführen...

Beitrag von C.Huettenrauch » So 8. Sep 2019, 22:30

santésuisse und der Dachverband der chirurgisch und invasiv tätigen Fachgesellschaften FMCH begrüssen, dass das Bundesverwaltungsgericht Klarheit geschaffen hat für die Genehmigung von ambulanten Pauschalen
Damit ist der Weg frei zur raschen Genehmigung der in mehreren Kantonen blockierten Tarifverträge für ambulante Pauschalen im Bereich der Augenheilkunde sowie der weiteren in der Zwischenzeit erarbeiteten Fachbereiche...
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Tagesanzeiger-Header:
„Mit dem klärenden Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts ist der Weg frei für die rasche Einführung von Pauschaltarifen in der ambulanten Versorgung. Als nächster Schritt ist die gemeinsame Entwicklung einer zukunftsgerichteten ambulanten Tarifstruktur durch die Tarifpartner anzustreben. Pauschaltarife verbessern die Transparenz für die Versicherten und die Versicherer. Durch die Verknüpfung der ambulanten Pauschalen mit qualitätssichernden Massnahmen können überflüssige Leistungen verhindert und Kosten vermieden werden...“
https://www.santesuisse.ch/details/cont ... einfuehren
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C.Huettenrauch
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Kritik des Pauschalen-System

Beitrag von C.Huettenrauch » So 8. Sep 2019, 22:35

Volkswirt Franz-Josef Müller kommentiert das bei Schneuwly so:

Zunächst einmal ein paar grundsätzliche Punkte:
„...Pauschalen haben Vorteile, es vereinfacht die Rechnungsstellung und -prüfung, weil man nicht durch die Einzelpositionen gehen muss. Ergebnis: Der Verwaltungsaufwand wird reduziert.
Unter dem Aspekt sind Pauschalen sowohl für Anbieter als auch Nachfrager von Vorteil - falls sie richtig dimensioniert sind.
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Pauschalen beinhalten (Fehl-)Anreize: Wer die Leistung erbringen soll, versucht sie mit einer Minimalkostenkombination zu erbringen. Umgekehrt, wer die Leistung in Anspruch nehmen will, versucht die maximale Leistung zu erhalten. Je rigoroser eine der beiden Marktseiten, vielleicht sogar beide, ihren Vorteil zu Lasten der anderen Marktseite durchzusetzen versucht, desto mehr Spannungen wird es geben.
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Pauschalen machen um so mehr Sinn, je geringfügiger der Wert der Einzelpositionen, die man in der Pauschalen zusammenfasst.
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Beispiel: Alles Verbandsmaterial, das man für die Versorgung kleiner Wunden braucht, wird in EINER Pauschalen zusammengefasst. Statt "Pflaster, Spray, Handschuhe, Binde 6cm, Nahtmaterial Prolene 4.0, ...." eben "Verbandspauschale X Franken"
Je größer das Volumen, das mit einer Pauschalen abgedeckt werden soll, desto größer auch das Missbrauchspotenzial bzw. der Fehler bei der Bemessung.
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Beispiel DRG: Mit der DRG I18B (D) ist der Meniskusriss abgedeckt. Da das Krankenhaus eine Pauschale erhält, hat es ein hohes Interesse daran, die Leistung mit einer Minimalkosten-Kombination zu erbringen. Möglichst billige und möglichst wenige Instrumente, möglichst schnell wirkendende Medikamente, .... werden eingesetzt. Das läuft unter dem Sammelbegriff "quick and dirty".
Ein Krankenhaus, das hochwertiges Material und für den Patienten möglichst schonende Anästhesieverfahren (die aber teurer sind) verwendet, kommt mit der Pauschalen nicht gut hin.
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==> Pauschalen führen immer dann zu einem Qualitätsverlust, wenn man die Leistung nicht ganz genau spezifieren kann. Bei ärztlichen Tätigkeiten kann man die Leistung aber nur selten ganz genau spezifizieren.
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Ändert sich der Preis für Teilkomponenten des Pauschalpakets, beispielsweise nach unten weil man das Produkt günstiger herstellen kann, oder nach oben, weil die Gehälter massiv ansteigen, muss der Preis für das Pauschalpaket angepasst werden.
Das mag nach einer oder zwei Runden noch so einigermaßen funktionieren - aber nach fünf runden passen die Preise nicht mehr. Denn die Bezahler / Kassen wollen die Pauschalen (vermutlich nur) in Höhe der Inflationsrate steigen lassen, am besten noch darunter...“
MfG

C.Huettenrauch
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Auswirkungen eines Pauschalensystem auf die Schweiz

Beitrag von C.Huettenrauch » So 8. Sep 2019, 22:40

Aus externer Sicht beurteilt Volkswirt Müller die Bestrebungen von Santesuisse im folgenden so:
In der Schweiz wird "Kostenneutralität" gefordert.
Wenn gestern 100 Prozeduren zum Preis von 5 gemacht wurden, betragen die Ausgaben 500. Werden morgen 100 Prozeduren zum Preis von 10 erbracht, müssten die Ausgaben auf 1.000 steigen.
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Die Vorgabe "Kostenneutralität" verhindert aber, dass die Ausgaben von 500 auf 1.000 steigen. Was wird passieren? Statt der eigentlich notwendigen 100 Prozeduren werden nur noch 50 erbracht und jede von denen kosten 10. In der Summe habe ich also Kostenneutralität erreicht, vorher Ausgaben von 500 und nachher Ausgaben von 500.
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Auf der Strecke bleiben die 50 Patienten, bei denen die (erforderliche) Prozedur nicht erbracht wurde, weil die Ärzte keinen Anreiz haben, eine Prozedur zu erbringen, die sie nicht bezahlt bekommen.
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Hat man alles pauschalisiert, in D beispielsweise alle DRG im stationären Bereich, gibt es sofort Fehlentwicklungen.
Die DRG werden zwar von Jahr zu Jahr angepasst und auch die Landesbasisfallwerte, aber was das taugt, kann man am Beispiel der Endoprothesen sehr gut ablesen.
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Endoprothetische Eingriffe sind für Krhs lukrativ - also werden sie durchgeführt. Der Eingriff ist pauschaliert, also haben die Krhs einen Vorteil, Implantate möglichst günstig einzukaufen. Die Haltbarkeit der Implantate spielt dabei keine Rolle. Mit endoprothetischen Eingriffen verdienen Krankenhäuser Geld (in D).

Umgekehrt decken die Pauschalen für konservative Behandlungen häufig nicht die Kosten. Der Fehlanreiz führt dazu, dass ein Patient eine Endoprothese erhält obwohl eine konservative Therapie genau so gut oder vielleicht sogar besser gewesen wäre.
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Kostenneutralität dürfte vor allem im ambulanten Bereich gefordert sein. Und da zeigt sich der Unterschied zu D.
In D gibt es eine mit befreiender Wirkung gezahlte Gesamtvergütung:
Steigt die Anzahl der Prozeduren, sinkt kompensatorisch das Honorar. In D regelt die KV, dass die Menge steigt und das Honorar fällt.
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In der Schweiz gibt es keine KV, also niemanden, der das Honorar bei steigender Nachfrage kompensatorisch kürzt.
Also wird "Kostenneutralität" dazu führen, dass die Menge fällt - falls die Preise nicht angemessen sind.
Mit anderen Worten: Die Nachfrage der Patienten nach Behandlung wird auf Grund der Budgetbedingung "Kostenneutralität" von den Ärzten nicht bedient werden! Patienten werden entweder schlechter als bisher oder sogar gar nicht versorgt werden.
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Fazit:
Wer Pauschalen einführt und gleichzeitig die Kostenneutralität durchsetzt, der muss mit zwei Entwicklungen rechnen:
Die Anzahl der erbrachten Leistungen geht zurück - Kostenneutralität
Die Qualität der erbrachten Leistungen geht zurück - Pauschaleneffekt

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